Von Generälen und Abgeordneten

Ok, also der General ist gefeuert, weil der Abgeordnete seine Lobeshymne ausgerechnet Frontal21 vorgelesen hat. Blöd gelaufen, aber die Reaktion (die Kündigung des Generals) ist angebracht.

Nur was ist mit dem Abgeordneten? Immer noch nur eine Rüge, ein bischen Ermahnung und Fingerdrohen und die - lange überfällige - Entfernung aus dem Innenausschuss (wieso ist so ein rechter Vogel da überhaupt reingekommen). Statt dessen darf er jetzt Kernkraftsicherheit managen.

Aber wann wird hier wirklich eine Konsequenz - der Fraktionsausschluß - gezogen? Oder hat er in der Union doch so viele Unterstützung, das die nötige Mehrheit dafür nicht zusammen zu bekommen ist? Wie tief ist der braune Sumpf im Bundestag?

An Herrn Struck: aus eigener Erfahrung wärend meiner Bundeswehrzeit ist das definitiv kein Einzelfall, der General. Das zu glauben ist sehr blauäugig, Herr Struck.

Robert Basic Nov. 4, 2003, 11:31 p.m.

bin ich doch ein ziemlich unpolitischer Mensch. Was für ne wilde Aussage hat denn nun dieser Ho...mann (?) nun gemacht? Ich habe mir einige Passagen seiner Rede reingezogen und finde irgendwie nix, wo ich sagen würde "JEHOVA .. er hat Jehova gesagt ... schmeisst den Stein auf ihn". Wars irgendwie im falschen Kontext oder hat er das etwa vor der jüdischen xyz Gemeinde erzählt? Schnackel ich nicht!

Ach ja, bei solchen Themen muß man das ja immer für die Fanatiker und Anti Anti Fanatiker immer zum Mitschreiben langsam sagen, bevor sie sich blutig reden: nein, habe nix gegen Juden und bin auch nicht für Braunes Gesocks. Jeer hat seinen Dreck am Stecken, egal welche Hautfarbe. Ich versteh nur die Aufregung nicht, weil jemand was von Juden labert und dann sofort alle Welt "Jehova" (Anspielung auf berühmte Szene aus einem Monty Python Film) schreit.

hugo Nov. 5, 2003, 12:05 a.m.

Den kompletten Wortlaut findest du auf http://www.heise.de/tp/deutsch/html/result.xhtml?url=/tp/deutsch/inhalt/co/15981/1.html&words=Hohmann - lies sie einfach komplett durch.

Robert Basic Nov. 5, 2003, 10:05 a.m.

danke für den Link
hab mir die Rede durchgelesen. Ist zwar etwas wirr der Ansatz und bewußt auf Attribute wie "gemein, unfair.." etc ausgelegt, aber so richtig kann ich dem Hohmann keine braunen Parolen nachweisen. Das wird einfach daran liegen, daß nicht ein jeder so clever wie v. Weizsäcker diese Themen angehen kann. Die Deutschen haben nun mal ihren Knacks mit dem Judenthema weg und sobald nur einer was von "Jude" sagt, schreien alle auf.

Aber, als Zugewanderter und nicht von Geburt an Deutscher kann ich Gott sei Dank mit diesem Thema viel unbelasteter umgehen und kann daher leicht daherreden :-)


hugo Nov. 5, 2003, 7:54 p.m.

Nunja, zum Beispiel die "Juden haben die Bolschewikische Revolution angezettelt" ist schon ein Argument so alt wie der Nationalsozialismus - die Sprüche hat schon Göbbels abgelassen. Auch ist es bei den Neonazis ein beliebtes Spiel ihren Mist als angebliche geschichtliche Fakten hinzustellen - und sich dabei dann auf Literatur zu beziehen, die so zwischen '20 und '33 geschrieben wurde, von Leuten die den Weg für die Nazis geebnet haben (zum Beispiel Ford).

Sicherlich mag der eine oder andere Revolutionär Jude gewesen sein - aber es ist vollkommen absurd davon auf eine Schuld eines jüdischen Volkes zu schliessen. Genau _das_ ist es aber was Hohmann macht - und das ist aus der alleruntersten braunen Schublade.

Gleiches gilt für dieses massive Abheben auf das "wir vs. die" - diese klare Polarisierung hat nur ein Ziel, den Hörer für das "wir" in Beschlag zu legen (jeder gehört lieber zum "wir" als zum "die" - besonders wenn "die" mit haufenweise negativen Adjektiven belegt werden) und dann eine schöne Drohkulisse von "denen" aufzubauen. Absurd und ohne reale Fakten dahinter.

Passend dazu die Geschichte mit den deutschen Zwangsarbeitern. Gerne immer wieder angebracht, wenn Fakten angesprochen werden, die für Nazis unbequem sind, weil sie sie heutzutage nicht mehr offen leugnen können ohne Ärger zu bekommen. Man baut gleich mal etwas angeblich "gleichwertiges" auf. Komisch nur das dabei dann immer die Schuldfrage am Weltkrieg völlig aussen vor gelassen wird und völlig ignoriert wird, was Ursache und was Wirkung war ...

Dito die Geschichte mit der Entschädigung von Opfern des Nationalsozialismus - eine Einschränkung der Zahlungen weil es uns schlechter geht? Interessanter Ansatz - Schuld ist nur solange Schuld, wie es einem selber so gut geht, das die Schuld keine Bürde ist? Die Schuldfrage am Weltkrieg und an den Millionen Toten _kann_ man in Deutschland eben einfach nicht beseiteschieben. Das liegt nicht nur daran, das schlechte Filme im Ausland das Bild Hitler so dominant darstellen um Deutschland runterzuputzen, auch wenn Herr Hohmann sich das so vorstellt! Es war eben nicht nur Hitler alleine, oder Hitler und ein paar seiner Schergen.

Ebenso das hochstilisieren von Einzelfällen und -schicksalen und das Aufbauen von Allgemeinheitsbehauptungen darauf - so haben auch die Nazis die Juden zur Bedrohung gemacht. Ist doch praktisch wenn man ein paar einzelne Menschen gleich als Beispiele vorweisen kann. Dumm nur, das du für jede noch so absurde Theorie sicherlich mindestens ein passendes Beispiel konstruieren kannst, aber dabei dann mal eben die Abertausende Gegenbeispiele zu ignorieren. Das ist keine Argumentation auf Faktenlage, das ist schlichte Demagogie.

Auch gerne genommen: das Ausweichen auf andere Diktatoren und die Gegenüberstellung. Guck mal, die Franzosen finden Napoleon ganz putzig und der war doch auch ein schlimmer Finger. Dann kann das doch alles garnicht so schlimm sein. Dumm nur, das Napoleon und die Bewältigung seiner Schuld ein Problem der Franzosen sind und nicht unseres. Wir müssen mit dem Nationalsozialismus klar kommen. Das neidische Schielen auf andere Völker hilft dabei definitiv nicht. Ähnliche Ansätze gabs ja schon mit der Totalitarismus-Theorie. Nehmen wir einfach mal einen Haufen Diktatoren, manschen die durcheinander und dann sieht unser Haufen nicht so schrecklich aus. Sorry, nicht akzeptabel. Stalin ist etwas ganz anderes als Hitler. Stalinismus ist auch etwas ganz anderes als Nationalsozialismus - die einzige Gemeinsamkeit ist, das in beiden Fällen viele Menschen sinnlos getötet wurden.

Und natürlich dann wieder das alles knackende Argument: wenn man einen virtuellen Gegner nicht direkt angreifen darf, sucht man nach dunklen Flecken in seiner Geschichte. Selbst wenn die Juden tatsächlich _als_Juden_ an der Revolution in Russland schuld hätten (was eben nicht stimmt - Individuen waren es, aber allein schon den Bezug zwischen einer religiösen Zugehörigkeit und einer kommunistischen Revolution zu ziehen braucht schon mehr Phantasie als normalerweise gut ist), wäre es völlig irrelevant für die Betrachtung der Situation Deutschlands gegenüber den Opfern des Nationalsozialismus: es wäre dann das Problem der jüdischen Gesellschaft, nicht unseres. Es ist schlicht unwichtig.

Desweiteren auffällig sind die Dinge die fehlen: die Hinweise auf jahrhundertelangen Aufbaus des Antisemitismus - der ist nämlich kein Kind des 20ten Jahrhunderts, die Ursachen sind schon sehr viel älter. Auch fehlen die Hinweise auf die schon vorher vorhandenen Repressalien von Mitgliedern der jüdischen Religion - denn auch das war keine reine Erfindung der NSDAP. Bei ihm sind die Juden selber am Antisemitismus schuld: die Hinrichtung von 7 Mitgliedern der Thule-Gesellschaft (der er selber bescheinigt der NSDAP nahegestanden zu haben - der Partei, die später den Antisemitismus instrumentalisierte um ihre Macht aufzubauen).

Ganz offensichtlich wirds dann mit der minutiösen Auflistung der angeblichen Verstrickung von Juden in die Revolution. Welchen Zweck sollte eine solche detaillierte Aufstellung von _Individuen_ haben? Klar, man könnte meinen das Hohmann einfach nur abgedreht ist und den Faden verloren hat - aber dafür ist das zu detailliert aufgebaut. Er baut einen Haufen uninteressanter Fakten auf, und schliesst dann messerscharf auf nur eines: die Juden sind ein Tätervolk. Naja, viel deutlicher kann man kaum sagen das man mal wieder auf der Suche nach der bolschewistisch-jüdischen Weltverschwörung ist - Göbbels lässt grüssen ...

Das er dann zum Ende hin die Kurve zieht und ganz fix die "Gottlosen" in den Mittelpunkt der Schuld stellt (schön mit dem Schulterschluss der Gottlosen auf beiden Seiten) ist auch nichts neues. Die Ultrarechten kommen halt in verschiedenen Geschmacksrichtungen, heutzutage sind sie eben anders gefärbt. Vergiss nicht das immer schon gerne religiöse Apparate instrumentalisiert wurden um solche Ideen zu transportieren. Immerhin ist ein stark hierarchisch aufgebautes Kirchensystem ideal als Grundlage für ein straff organisiertes faschistisches Gesellschaftsbild. Bloss weil heute Nazis mit dem Christentum kokettieren oder sich als Weltreligiös hinstellen, ist das noch lange nicht die Wahrheit.

Hohmann ist sicherlich kein Neonazi im klassischen Sinne - da gibts schon Abstufungen. Aber er ist so weit rechts wie es nicht mehr akzeptabel ist. Sehr viel weiter rechts als demokratisch akzeptabel - und vor allem sehr viel weiter rechts als in Deutschland akzeptabel.

Die Ultrarechte tritt heute eben nur noch versteckt auf - alte Parolen und Ideen in neues Papier. Der Inhalt ist der gleiche - man muss halt nur hingucken.

Und falls ich zwischendurch mal Hohmann als Hohlmann tituliert habe, dann lässt Freud recht freundlich grüssen ;-)

Robert Basic Nov. 5, 2003, 8:13 p.m.

danke für die sehr ausführliche Antwort. Da ich mich sehr wenig mit Politik und dem Geschwafel dieser Zunft beschäftige, sind mir viele Argumentationsschemata nicht geläufig.

Inhaltlich stimme ich Dir 100% zu, was Du über die Last und Erblast einzelner Nationen sagst. Hohmanns Rede selbst ist schon ziemlich platt und banal. So ganz koscher (hi hi, was ein Wort bei ihm...) ist er mir nicht.

Trotz seiner Person und seinem Dummfug sollte man gerecht bleiben. Ich gebe Dir nämlich in einem nicht Recht: er bezeichnet zwar das "jüdische Volk" (was das auch immer vor ca. 60 Jahren gewesen sein soll) als Tätervolk, aber eher in einem hypothetischen Gedankengang, beruhend auf fiktiven historischen Gegebenheiten, nur um am Ende logisch zu schlußfolgern => da Juden in der Tat kein Tätervolk sind, können die Deutschen also auch keines sein.

Wie gesagt, beim ganzen Rest, um den es eigentlich geht, ist Hohmann wirklich etwas merkwürdig.